02
Mär
2026
14:39 PM

Ein Einblick in mein synästhetisches Erleben – von Michelle Kromm

Ich bin Michelle Kromm, 27 Jahre alt, Grafik- und Kommunikationsdesignerin sowie Künstlerin. Ich habe Synästhesie und nehme die Welt auf eine sehr intensive, vielschichtige Weise wahr.

Über mich und meine Synästhesie

Schon als Kind gab es erste Anzeichen dafür. Damals wusste ich allerdings noch nicht, dass es dafür einen Begriff gibt. In der Grundschule zeigte sich zum Beispiel meine Raumsequenz‑Synästhesie: Als wir die Wochentage und Monate auf Englisch lernten, habe ich sie für mich ganz selbstverständlich von rechts nach links angeordnet. Für mich war das logisch und richtig, auch wenn es im Unterricht natürlich als falsch galt. Bis heute haben Wochentage und Monate eine feste räumliche Struktur in meinem Kopf.

Farben, Formen und Texturen

Meine Synästhesie zeigt sich nicht nur in Strukturen, sondern auch sehr stark in Farben, Formen und Texturen. Es gibt gewisse Grundfarben, in denen ich besonders viele Situationen wahrnehme – einmal ganz klar Blau, das seit meiner Kindheit präsent ist und in dem ich schon mein ganzes Leben lang viele Momente erlebe.

Bei Menschen, die mir am nächsten stehen, nehme ich häufig Dunkelblau, Flieder oder Lachsrosa wahr. Je nach Stimmung der Situation – heiter, ruhig oder friedlich – passen sich diese Farben weiter an. In meiner Kunst versuche ich, genau diese Farbgebungen festzuhalten.

Viele Momente in meinem Leben nehme ich sehr intensiv wahr. Auch kleine Dinge tragen oft eine große Tiefe in sich. Es fühlt sich an, als würden sich Erlebnisse in mir anders abspeichern – nicht nur als Erinnerung, sondern als Farbe, Oberfläche, Atmosphäre und Licht.

Manchmal schmecke ich in Formen. Beim Essen entstehen Linien, Flächen oder Strukturen in meinem Kopf. Traurige Momente fühlen sich dunkel‑lila an – dicht und schwer. Wenn ich überwältigt bin, sehe ich vor meinem inneren Auge etwas wie goldfarbenen, pudrigen, glänzenden Rauch, der sich ausbreitet.

Abstract Flavour
Abstract Flavour

Besonders schöne Momente fühlen sich an wie ein friedlicher Sonnenauf‑ oder ‑untergang. Als Referenz dafür habe ich ein Werk gemalt, das solch einen Moment beim Trinken eines Kaffees abbildet – ein Kaffee, der in mir das Gefühl eines Sonnenuntergangs hervorruft.

Sunset Coffee
Sunset Coffee

Texturen spielen ebenfalls eine große Rolle. Wenn ich aufgeregt bin, fühlt sich das manchmal an wie Schmirgelpapier auf der Haut oder wie Stahlwolle – rau und intensiv. Schmerz wiederum fühlt sich für mich wie ein spitzes Dreieck an – scharf, prägnant und sofort spürbar. Angenehme Momente dagegen fühlen sich weich an, wie Seide – kühl, glatt und zart. Diese Empfindungen sind nicht nur Gedanken, sondern körperlich spürbar.

Intensives Erleben

Manchmal ist es eine Explosion an Gefühlen und Wahrnehmungen, die gleichzeitig auftreten. Genau dadurch prägen sich diese Momente besonders stark ein. Oft habe ich deshalb das Gefühl, die Welt unglaublich intensiv wahrzunehmen. Selbst ein einfacher Blumenstrauß kann in meinem Kopf zu einer surrealen Szene werden – Blumenköpfe verwandeln sich in Wolkenköpfe, fast wie in einem Traum oder in einer surrealistischen Welt.

Bouquet of Dreams
Bouquet of Dreams

Ich bin auch heute noch dabei, meine Synästhesie weiter zu entdecken. In vielen Momenten versuche ich, bewusster hinzuschauen und wahrzunehmen, was genau in mir ausgelöst wird. Lange Zeit habe ich meine Wahrnehmung gar nicht so tief hinterfragt, weil sie für mich selbstverständlich war. Jetzt beginne ich, sie genauer zu beobachten und zu verstehen. Es ist ein Prozess, der mich weiterhin begleitet und mir immer wieder neue Ebenen von mir selbst zeigt.

Kunst als Ausdruck meiner Wahrnehmung

Früher dachte ich, ich hätte einfach eine besonders lebhafte Fantasie. Heute weiß ich, dass meine Synästhesie ein wesentlicher Teil meiner Wahrnehmung ist. Genau daraus entstehen viele meiner künstlerischen Ideen, die ich auch in meinem Beruf anwende.

Ich bin sehr dankbar, dass ich das in meiner Kunst ausdrücken kann. Es bedeutet mir viel, sichtbar zu machen, welche Sinnesreize komplexe Wahrnehmungen in einem Menschen auslösen können – und wie sich solche inneren Verknüpfungen anfühlen.

Mit meiner Kunst versuche ich, diese innere Bildsprache auf Leinwand und in digitaler Form festzuhalten und anderen Menschen einen Einblick in diese schöne, lebhafte Welt zu geben.

Michelle Kromm

Instagram: madebymk.studio



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